Das Mondschweinchen

Das Mondschweinchen

  Es war einmal ein weißes Meerschweinchen, das rote Augen hatte. Dieses Meerschweinchen lebte in einer großen Gruppe sicher und gut behütet in einem Außengehege. Es gab jeden Tag frisches Futter, alle wurden regelmäßig gewogen und beäugt und näherte sich auch nur ein Zweibeiner diesem Gehege, quiekten alle so laut, dass man kaum noch sein eigenes Wort verstand - es könnte schließlich noch mehr Futter geben. Dieses eine weiße Meerschweinchen mit den roten Augen hatte eigentlich alles, was so ein Meerschweinchenherz sich nur wünschen konnte. Aber immer wenn es Abend wurde und alle anderen sich in ihre Unterschlüpfe verkrochen, lugte seine weiße Nase nach draußen und schnüffelte neugierig hinauf gen Himmel. Tagsüber war ihm die Sonne zu hell, wenn sie schien. Die konnte man sich gar nicht richtig anschauen. Wolken waren dagegen etwas Tolles. Die veränderten sich ständig und luden zum Träumen ein. Manchmal deckten sie den gesamten Himmel zu, dass die Sonnenstrahlen kaum noch auf die Erde kamen. Nachts aber wurde es erst richtig interessant da oben. Es gab Sterne! Und etwas Großes, Rundes, das nicht so hell war wie die Sonne, aber immer wieder anders aussah: der Mond.   Das Meerschweinchen mochte den Mond sehr. Mal war er voll und rund und wunderschön anzusehen, dann war er wieder gebogen und scharf, wie eine Kralle. Und so manches Mal war er einfach nicht zu sehen, obwohl die Nacht sternenklar war. Diese Nächte mochte das weiße Meerschweinchen weniger. Es bewunderte lieber den Mond als die Sterne. Die waren zwar auch schön, aber so reich an der Zahl, dass sie das Meerschweinchen mit den roten Augen immer daran erinnerten, wie bedrückend klein und unbedeutend es doch in der Welt war.   Eines Abends, als das weiße Meerschweinchen sich mit den anderen satt und zufrieden wieder zur Ruhe begab, kroch der Mond gerade hervor und schien voll und rund auf das Gehege nieder. Das Meerschweinchen suchte sich einen bequemen Platz an einem Hauseingang und reckte seine Nase fasziniert nach oben. Ganz langsam bewegte sich der Mond über den klaren Nachthimmel. So sanft und so schön! In dieser mondhellen Nacht beschloss das weiße Meerschweinchen mit den roten Augen, dass es eines Tages ganz nah beim Mond sein und mit ihm zusammen auf die Erde blicken wollte. Es wollte sehen, wie die Welt von dort oben aussah und wie die Wolken über's Land zogen, es zudeckten und sich veränderten. Und es wollte am Ende einer jeden Nacht der Sonne einen guten Morgen wünschen, auch wenn sie immer sehr hell war. Dieser Wunsch wärmte das Meerschweinchen in dieser Nacht und ließ es mit einem kleinen Lächeln einschlafen.   Die Tage und Nächte gingen dahin. Der Mond nahm wieder ab, versteckte sich hinter den Wolken, kam wieder hervor und wurde erneut rund. So vergingen einige Monate und schließlich Jahre. Dem weißen Meerschweinchen mit den roten Augen ging es blendend mit den anderen in der Gruppe. Kaum eines von ihnen wurde ernsthaft krank und alle lebten in einem harmonischen Verhältnis. Manche von ihnen waren sehr alt geworden und hatten im Laufe der Zeit ihre letzte Reise über die Regenbogenbrücke angetreten. Mittlerweile war auch das weiße Meerschweinchen etwas grau hinter den Ohren geworden und ruhte sich tagsüber öfter mal aus. Abends lag es aber immer in einem Hauseinang und legte seinen Kopf nun auf einen Stein oder Knabberast ab, um vom ganzen Hochschauen keinen steifen Nacken zu bekommen.   Heute Nacht war wieder Vollmond. Es war sternenklar. Die Luft war schon etwas kühl, es war Herbst geworden. Da wanderte er wieder gemächlich über den Himmel und schien mit seinem weißen Licht auf das Meerschweinchen herab. Seine roten Augen funkelten wieder bewundernd herauf und begrüßten den liebgewonnenen Freund. Wieder bekam das Meerschweinchen etwas Sehnsucht und spürte seinen vor langer Zeit gehegten Wunsch wärmend in sich aufsteigen. Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass der Mond gar nicht so unerreichbar sein konnte. Dass die Sonne zwar hell war, aber immer einen schönen Tag und wohlige Wärme schenkte. Und dass die Sterne zwar reich an der Zahl waren, aber jeder Einzelne für sich etwas ganz Besonderes und unbegreiflich Schönes war. Dass die Wolken in ihren ständig veränderlichen Formen nie greifbar waren, aber immer ein faszinierendes Schauspiel boten und frei waren in allem, was sie taten. So war auch der Mond und so konnte auch nur alles andere auf dieser Welt sein.   In diesem Moment kam sich das weiße Meerschweinchen mit den roten Augen gar nicht mehr so klein und unbedeutend vor. Und mit dieser Erkenntnis fühlte es sich leichter und reicher als je zuvor. Es lächelte den Mond freudig an und dieser lächelte zu seiner Überraschung freundlich zurück. Da begriff das Meerschweinchen, dass er das in all der Zeit schon immer getan hatte. Dankbar zwinkerte es ihn an und dann erst fielen ihm die ganzen Farben auf, die der Mond eigentlich schon immer mit seinem weißen Licht ausstrahlte. Es waren alle Farben des Regenbogens in einem wundersam sanften Licht, das alles umschloss. So wohl, wie dem Meerschweinchen da wurde, war es ihm noch nie ergangen. Und es spürte, wie all sein Wünschen und Sehnen es zu seinen alten Freund hinzog, der feierlich seine Arme ausbreitete. Nichts hielt es noch auf der Erde und so ging es dem wundersam leuchtenden Mond geradewegs durch die Luft entgegen.   Ein letzter zufriedener Blick zurück auf die Freundschaften, die es auf der Welt geschlossen hatte, und dann ohne Wehmut, wie ein frisch funkelnder Stern am Firmament, ganz nah beim lächelnden Mond. Das, was es sich immer gewünscht hatte, wurde in dieser Nacht für das weiße Meerschweinchen mit den roten Augen Wirklichkeit.   Und manchmal, wenn der Mond in der Nacht hell erstrahlt, sieht man ganz vielleicht ein Paar kleiner, roter Augen aufblitzen, die über die Welt wachen und sich von fern an alles auf ihr erfreuen. Dann weiß auch jeder Zweibeiner, dass selbst für kleine Meerschweinchen alle Wünsche wahr werden können.  
Ende

021-mondelfenschweinchen

Idee, Text und Bild: Heidi "Eris" Guder